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Wilhelm Anton Gottsleben (1812-1867)

 »Idealist, Turner und Feuergeist«
Anton Gottsleben (1812-1867) und das Hildesheim des Biedermeiers
Von Klaus Arndt
[1] 
 

Inhalt
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Der Turner

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Der Katholik

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Der Jurist

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Der Politiker

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Tod und Würdigungen

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Quellen

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Literatur

bullet Anmerkungen


 

Wilhelm Anton Gottsleben
(Foto: Stadtarchiv Hildesheim,
Bestand 951 Nr. 1414)

Vor genau zweihundert Jahren, am 10. Juni 1812, wurde Wilhelm Anton Gottsleben in Marienburg geboren. Seine Eltern, Franz Joseph Christoph Gottsleben (1777-1860) und Marie Louisa Therese, geb. Mach(t)zum (1777-1828), hatten sechs Kinder, von den zwei bereits im Säuglingsalter verstarben. Christoph Gottsleben war Oekonomieverwalter und Amtsvogt, zuletzt in Moritzberg. Dort verbrachte auch Anton Gottsleben seine Kindheit und Jugend.

 Der Turner

Anton Gottsleben besuchte das Bischöfliche Gymnasium Josephinum in Hildesheim. An dieser Schule liegen auch die Anfänge des Turnvereins Hildesheim, die untrennbar mit dem Namen Gottsleben und Joseph Helms verbunden sind. Bereits 1828 sind turnerische Aktivitäten des Josephinums bezeugt. Zunächst wurde im Garten von Gottslebens Eltern am Moritzberg geturnt, dann im Pepperworth, danach vor dem Ostertor und später am Dammtor. Fast revolutionäre Aktivitäten, denn im Königreich Hannover, zu dem Hildesheim gehörte, wurde die Turnerei nicht gern gesehen, in Preußen war sie sogar verboten. Auch am Josephinum gab es immer wieder Verbote durch den Schulleiter. Schulfach wurde Turnen erst im Jahr 1868/69.

Die ersten Hildesheimer Turnübungen am Fuß des Moritzberges,
vermutlich im Garten von Anton Gottslebens Eltern (um 1828)

(Lithographie: Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 967 Nr. 183)

    Verweilen wir noch etwas bei Gottslebens Liebe zur Turnerei. Die bis in die 1840er Jahre bestehende Turnsperre wurde beendet, das Turnen fand nicht nur an den höheren Schulen sondern auch in der Bevölkerung breite Zustimmung, und im Vereinsleben selbst vollzogen sich Ereignisse, die außerordentlich bestimmend auf den weiteren Turnbetrieb einwirkten. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und die damit verbundene Vaterland- und Bruderliebe regte sich in allen deutschen Landen. Geeint wollte das deutsche Volk allen Anfeindungen von innen und außen entgegentreten, und Deutschlands waffenfähige Männer schlossen sich zu diesem Zwecke zu Bürgerwehren zusammen und suchten den Körper durch Turnübungen zu stählen. In diese Entwicklung des Hildesheimer Turnwesens griff Anton Gottsleben 1848 entscheidend ein und gründete am 4. Mai mit Gleichgesinnten im »Goldenen Engel« den »Männerturnverein von 1848«. Schon nach wenigen Tagen waren dem Verein 211 Mitglieder beigetreten, und nach einem knappen Jahr waren es schon 310 Mitglieder. Geturnt wurde zunächst auf dem Sommerturmplatz des Josephinums. Später wurde dem Verein ein Platz an der Steingrube zugewiesen.

    Gottsleben, Vereinspräsident von 1848 bis 1853, war schon seit der Vereinsgründung darum bemüht, eine Turngelegenheit für die Wintermonate zu schaffen, als die Verwaltung sich bereit erklärte, die im Sommer als Wolllager genutzte Reitbahn am Ratsbauhof während der Wintermonate als Turnhalle nutzen zu lassen. Für seinen unermüdlichen Einsatz verlieh ihm der »MTV v. 1848« 1863 die Ehrenmitgliedschaft, eine besondere Auszeichnung, die ihm auch der 1861 gegründete »MTV Eintracht« zukommen ließ.

Der Katholik

Im Sommer 1844 wurde in Trier der so genannte »Heilige Rock«, das angebliche Gewand Christi ausgestellt.[2] Diese Veranstaltung hatte auch für Hildesheim Bedeutung, führte sie doch zur Entstehung einer religiös-politischen Bewegung, die unter dem Namen Deutschkatholiken, manchmal auch Christkatholiken genannt, bekannt wurde.

    Zwei Gruppierungen, die »Christlichkatholisch-Apostolische Kirche« und die »Allgemeine Christliche Kirche«, beide begründet von bereits exkommunizierten Theologen, vereinigten sich 1845 und nannten sich »Deutschkatholische Kirche«. Sie erklärten die Bibel zur einzigen Glaubensgrundlage, erkannten lediglich Abendmahl und Taufe als Sakramente an, vertraten die Gleichberechtigung der Frauen in allen Gemeindeangelegenheiten, billigten ihnen das aktive und passive Wahlrecht zu und verwarfen den Zölibat. Sowohl das kirchliche Lehramt als auch den päpstlichen Primat lehnten sie entschieden ab. Es konnte nicht verwundern, dass diese Kirche, die den lutherschen Grundsätzen sehr nah war, auch Platz für Protestanten und Juden bot.[3]

    Bereits Anfang 1845 bildete sich in Hildesheim ein Kreis von Männern, die die Gedanken dieser neuen Bewegung aufnahmen. Die »Deutschkatholische Gemeinde« wurde gegründet, ein Vorstand gewählt, dessen Sprecher Anton Gottsleben wurde.[4] Schon nach kurzer Zeit zählte man hundert Mitglieder. Große Sympathie erfuhr diese neue Gemeinschaft von der »Gerstenbergschen Zeitung« und vom Hildesheimer Rat, der als Gottesdienstraum zunächst den Rathaussaal, dann die Kapelle des lutherischen Waisenhauses zur Verfügung stellte.

    Eine Sammlung zur finanziellen Unterstützung wurde veranstaltet, die übrigens drei Protestanten ins Leben riefen, darunter Justizrat Lüntzel. Ein Prediger wurde berufen, Joseph Lorenz, ein ehemaliger katholischer Priester aus Böhmen und Freund Robert Blums (1807-1848), der allein von der Gemeinde bezahlt werden musste.

    Bischof Jakob Josef Wandt (1780-1849) reagierte sofort. Bereits am 22. März 1845 wurden sechzig Personen aus Hildesheim und Umgebung von ihm exkommuniziert, darunter Anton Gottsleben und sein Vater Christoph Gottsleben. Allerdings scheiterte er mit seinen Versuchen, gegen den Verleger Constantin Gerstenberg (1794-1877) gerichtlich vorzugehen und es gelang ihm auch nicht, eine Beschwerde gegen den Rat wegen Unterstützung der Deutschkatholiken bei der »Landdrostei« durchzubringen.

    Anton Gottsleben wandte sich an die Hannoverschen Stände, die neue Religionsgemeinschaft zuzulassen, eventuell als Sekte, denn nur Protestanten und Katholiken hatten im Königreich Hannover gleiche bürgerliche wie politische Rechte. Im Kabinett in Hannover wurde man misstrauisch gegenüber einer Bewegung, die, was die Geisteshaltung anging, in gefährliche Nähe zu Demokraten und Revolutionären eingestuft wurde. Wer Freiheit in der Gemeinde praktiziere, mochte bald auch Freiheit in Politik und Gesellschaft fordern.

    Dennoch sprach sich König Ernst August (1771-1851, König ab 1837) am 18. Februar 1846 für die Duldung der »Sekte« aus, allerdings mit Auflagen. Daraufhin stieg die Mitgliederzahl auf einhundertsechzig an.

    Neben der Überwindung der konfessionellen Spaltung lag den »Deutschkatholiken« die Einigung der deutschen Nation am Herzen. Beide Ziele haben sie nicht erreicht. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 hatten sie als religiöse, nationale und sozialpolitische Oppositionsbewegung keine Chance mehr. 1867, beim Tode Anton Gottslebens, zählte die Glaubensgruppe in Hildesheim noch achtundzwanzig Mitglieder.

Der Jurist

Zurück zum Werdegang Anton Gottslebens. Er besuchte erfolgreich das Josephinum. 1832 begann er sein Jurastudium an der Universität Göttingen. Am 5. September 1835 wurde ihm die Beendigung seines Studiums mit Ausfertigung des Abgangszeugnisses bescheinigt, in dem – wie damals üblich – keine Noten enthalten waren, sondern lediglich die von ihm besuchten Veranstaltungen angegeben wurden. Hinsichtlich seines Betragens waren zwei Bemerkungen handschriftlich angefügt. Im Wintersemester 1833/34 erhielt er zwei Rügen und drei Tage strengen Karzer, weil er auf der Straße Unfug getrieben habe und sich gegenüber einem Pedell zu ungebührlichen Äußerungen habe hinreißen lassen. Von dem Verdacht der Teilnahme an einer unerlaubten Verbindungsversammlung wurde er freigesprochen. Am 23. Dezember 1836 teilte das Ministerium in Hannover mit: »Wir haben uns bewogen gefunden, den Candidaten der Advocatur Anton Gottsleben zu Moritzberg zu seiner weiteren practischen Ausbildung als Auditor beim Amte Hildesheim anzustellen«. Dass man dem »Auszubildenden« Anton Gottsleben »auf die Finger schaute«, ging aus einem Schreiben der »Königlichen Landdrosterei« vom 29. Juni 1840 hervor, in dem man darum bat, »vertraulich über den Fleiß, das Betragen und insbesondere über die politischen Gesinnungen des Amtsauditors Gottsleben an uns zu berichten«.

    Ob zu dieser Nachfrage Anlass bestand, ließ sich nicht mehr feststellen. Anton Gottsleben schloss seine Ausbildung erfolgreich ab. 1844 wurde er im Adressbuch unter der Adresse Hoheweg 436 als Advocat geführt. Die Neufassung der Städteordnung führte zu der seit langem geforderten Trennung von Verwaltung und Justiz. Die Justizkanzlei wurde Obergericht und unterstand nun der staatlichen Aufsicht. Das ehemalige Stadtgericht wurde zum Amtsgericht und dem neuen Obergericht untergeordnet. Anton Gottsleben wurde hier als Anwalt zugelassen und trug spätestens ab 1853 den Titel »Obergerichtsanwalt«.

    Anton Gottsleben war unverheiratet und zog häufig um. Nachdem er 1844 im Hoheweg 436 gewohnt hatte, finden wir ihn 1847 Hinter dem Heiligen Kreuz 474, 1849 in der Altpetristraße 403, 1852 in der Jacobistraße 121, 1857 in der Kurzen Burgstraße 1475, dort mit seinem Vater und seiner Schwester, dem Fräulein Minne Gottsleben. Ab 1858 ist der neue Wohnort der Familie die Lange Burgstraße 1455. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1860 und dem Auszug seiner Schwester wohnte der Obergerichtsanwalt Anton Gottsleben ab 1864 im Langenhagen 1658, genau in der Gegend, wo die Cholera im Jahre 1867 dann am schlimmsten wütete. 

Der Politiker

Das politische Leben Anton Gottslebens begann mit seiner »Turnerei«, die im Königreich Hannover nicht gern gesehen war. Man kann von einem ersten Ausbruch aus bestehenden Vorstellungen sprechen. Auch die Gründung und aktive Mitarbeit in der Gemeinschaft der Deutschkatholiken war ein eminent politischer Akt, denn die übergeordneten Ziele dieser Gruppierung entsprachen weder den Vorstellungen der katholischen Kirche noch den Wünschen der Regierung.

    Anton Gottslebens öffentlich wirksames politisches Auftreten ist erst seit der Revolution von 1848[5] und den damit unter anderem verbundenen Unruhen in Hildesheim feststellbar.[6] Der Advokat Friedrich Weinhagen (1804-1877), der »Oberführer« der Hildesheimer Bürgerwehr, vertrat rigoros die Forderungen der 48er und darüber hinaus auch weiter gehende Forderungen gegenüber der Hannoverschen Regierung im Hinblick auf Veränderungen innerhalb der Städteordnung. Fühlte sich doch die Stadt Hildesheim, die »Stadt der 15 000 Bettler« von der immer mächtiger werdenden Residenzstadt Hannover und dem König ständig zurückgesetzt. Es kam in Hildesheim zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die mit der »erzwungenen« Absetzung von Bürgermeister Carl Christoph Lüntzel (1779-1854, Bürgermeister von 1843-1848) und Syndikus Traumann sowie der Festsetzung des »Landdrosten« ihre Höhepunkte fanden. Es würde allerdings den Rahmen dieses Artikels sprengen, hier Gottslebens politische Aktivitäten in den folgenden zwanzig Jahren näher vorzustellen.[7]

Friedrich Weinhagen spricht 1848 zu den Hildesheimern
(Abb.: Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 951 Nr. 1282)

Tod und Würdigungen

Trauer und Bestürzung herrschen in ganz Hildesheim, als am 18. September 1867 die Todesanzeige des Obergerichtsanwalts Anton Gottsleben erschien. Er gehörte zu den ersten Einwohnern der Stadt, die der Choleraepidemie mit mehr als zweihundert Toten zum Opfer fielen. Er wurde, wie bei einer solchen gefährlichen Seuche üblich, in aller Stille schleunigst beerdigt. Trauergäste waren verboten. Bereits am selben Tag erschien in der »Hildesheimer Allgemeinen Zeitung« ein ausführlicher Nachruf,[8] der begann: »Unsere Stadt betrauert einen ihrer besten Bürger, Hannover einen seiner bewährtesten Kämpfer für die Freiheit und den Fortschritt, das Vaterland einen edlen Patrioten: der Obergerichtsanwalt Anton Gottsleben ist gestern, gegen 6 Uhr Abends, nach einer Krankheit von einigen Stunden an der Cholera gestorben. Wen die Götter lieb haben, der stirbt jung.« Er, im besten Mannesalter von 55 Jahren, sei in der Tat jung gestorben, denn er habe seinen jugendlichen Idealismus durch die Jahrzehnte hindurch bewahrt, unbekümmert um den Erfolg, unbekümmert um sich selbst. Er habe an seinen Grundsätzen und Idealen unbeirrt festgehalten.

»Nachruf an
A. Gottsleben« in der

Hildesheimer Allgemeine Zeitung
1867, Nr. 227
(27. September)

Todesanzeige
in der
Hildesheimer Allgemeinen Zeitung
1867, Nr. 219
(18. September)

»Nachhall an
Gottsleben«

in der Hildesheimer
Allgemeine Zeitung
1867, Nr. 233
(4. Oktober)

    »Wie er in diesem Sinne gelebt, weiß fast jedes Kind seiner Vaterstadt, die wenig so populäre und allseits verehrte Bürger hatte als Gottsleben. In seinem Beruf als Anwalt wie in seiner vieljährigen Stellung als Mitglied der städtischen Vertretung. Als Förderer jedes gemeinnützigen, jedes nationalen Unternehmens, wie als Abgeordneter zur hannoverschen Zweiten Kammer« sowie auch auf religiösem Gebiet habe er unerschrocken die letzten Konsequenzen seiner Überzeugungen verfolgt, auch gegen die Wut und den Spott anderer. Sein Leben sei unentwegt den Prinzipien des Liberalismus gewidmet gewesen. Mit großem Jubel habe er den Sieg der deutschen Waffen und die Grundsteinlegung zum Staate deutscher Nation begrüßt. Er habe den Kampf wider das im vorigen Jahr durch die Niederlage der hannoverschen Truppen im Preußisch-österreichischen Krieg am 29. Juni 1866 vernichtete hannoversche Regierungssystem[9] in Stadt und Umgebung maßgeblich mit beeinflusst. Grundlage für Anton Gottslebens politisches Wirken seien die Prinzipien der Burschenschaft gewesen, die Einheit des deutschen Volkes, Selbstbestimmung und der Ruf nach Ehre, Freiheit, Vaterland. Der Nachruf schloss mit dem Versprechen, »sobald es thunlich sein wird«, allen die Gottsleben geliebt und verehrt hätten, zu einer würdigen Gedenkfeier einzuladen.

    Am 14. Februar 1868 erschien in der »Hildesheimer Allgemeinen Zeitung« dann mit der Überschrift »Gottsleben-Denkmal« eine Anzeige, in der um Spenden, hier »Liebesgaben« genannt, gebeten wurde »für die Erfüllung des Wunsches, seine letzte Ruhestätte mit einem würdigen Denkmal zu zieren«. Unter den Unterzeichnern waren neben anderen die Namen Hachmeister, Götting, Senator Hermann Roemer (1816-1894) sowie Stegmann und Zenker, die Präsidenten der beiden Männerturnvereine zu finden.

    Die beiden Schwestern Anton Gottslebens erhielten am 17. September 1868 eine Kopie der von seinem Turnbruder und späteren Professor Friedrich Küsthardt (1830-1900) geschaffenen Büste, die am folgenden Tag auf dem Marienfriedhof feierlich enthüllt wurde. Überaus zahlreich war die Beteiligung der Hildesheimer Bevölkerung bei dem Marsch zum Friedhof, wo Gesangsvereine die Feier verschönten. Auch von außerhalb war die Beteiligung der Turnerdeputationen, die Kränze niederlegten, eine sehr stattliche. Auf der Schleife der Bückeburger Turner konnte man lesen »Dem Bravsten der Braven«. Für das Andenken Gottslebens sorgten später in erster Linie die Turnvereine »MTV v. 1848« und »Eintracht«, deren Vertreter jahrzehntelang an seinem Todestag Kränze am Grabmahl niederlegten.

»Hier ruht / Anton Gottsleben / unermüdlicher Kämpfer für / Wahrheit und Recht / geboren am 10ten Juni 1812 / gestorben am 17ten Sept. 1867«. Das stark verwitterte, drei Meter hohe Denkmal aus behauenem Sandstein liegt heute auf dem Bauhof, die vermutlich aus Bronze modellierte Büste von Friedrich Küsthardt ist verschwunden.
(Foto: Sabine Brand)

Anton Gottsleben
Büste von Friedrich Küsthardt
(Foto: Festschrift 100 Jahre MTV, 1948)

Gottslebens Denkmal mit Büste
(Marienfriedhof, 1938)

(Foto: Schrader, HAZ Mai 1938)

    Eine besondere Erinnerung erfolgte anlässlich des 90jährigen Jubiläums des »MTV v. 1848«, als in der »Hildesheimer Allgemeinen Zeitung« am 3. Mai 1938 unter der Überschrift »Wer war Obergerichtsanwalt Anton Gottsleben?« ein ausführlicher Artikel zu Leben und Wirken dieses Mannes erschien.[10] Mit Gottsleben habe die Stadt Hildesheim »seinen temperamentvollsten, mit einem sonoren weithin schallenden Organ begnadeten Redner verloren«, der 1848 mit Friedrich Weinhagen an der Spitze der Freiheitsbewegung gestanden habe, und »als 1864 in ganz Deutschland wegen Schleswig-Holstein die Begeisterung ihre hohen Wellen schlug, steht Gottsleben wieder in der vordersten Reihe und wirbt tatkräftig für die gute Sache, und als dann das Jahr 1866 angebrochen war, gehörte er neben Roemer und Boysen zu den ›Drei G‹, Gerstenberg, Götting und Gottsleben, die«, so schloss der Artikel über die vergessenen politischen Aktivitäten, »wenn es ›schief‹gegangen wäre, den Hildesheimer Staub von ihren Pantoffeln hätten schütteln müssen«.

    Obwohl es mit den politischen Ereignissen nicht schief gegangen war: für Anton Gottsleben trifft diese Aussage jedoch in einem anderen Sinne zu. Er wurde in Hildesheim vergessen.[11]

 Quellen

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Akten des Hauptarchivs Hannover, des Stadtarchivs Hildesheim und des Universitätsarchivs Göttingen.

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Adressbücher der Stadt Hildesheim und des Moritzberges.

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Hildesheimer Allgemeine Zeitung und Hildesheimer Zeitung.

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Bestand der Dombibliothek Hildesheim.

Literatur

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Anton Gottsleben. Ein würdiges Denkmal für den »Feuergeist«. In: Moritz vom Berge, Stadtteilzeitung Hildesheim West Nr. 223 (2012), Januar [Internet-Ausgabe].

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Anton Gottsleben † [Nachruf]. In: Hildesheimer Allgemeine Zeitung 1867, Nr. 219 (18. September).

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Anton Gottsleben. In: Hildesheim-Lexikon.

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Arndt, Klaus: Friedrich Weinhagen und die Hildesheimer Unruhen von 1848. In: Alt-Hildesheim. Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim 47 (1976), S. 19-29.

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Bauer, Karl: Geschichte von Hildesheim von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hildesheim: Gude, 1892.

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Bertram, Adolf: Geschichte des Bisthums Hildesheim. Bd. 1-3. Hildesheim: Lax, 1899-1925.

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Ein Feuergeist, Teil 1 (Denkmal neu entdeckt) u. Teil 2 (Anton Gottsleben). In: Moritz vom Berge, Stadtteilzeitung Hildesheim West Nr. 210 (2010), November, S. 4-5 u. Nr. 211 (2010/2011), Dezember/Januar, S. 8-9.

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Festschrift zum 150-jährigen Bestehen des MTV v. 1848. Festschrift des Vereins. Hildesheim, 1998.

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Gebauer, Johannes Heinrich: Geschichte der Stadt Hildesheim. Verf. im Auftrage des Magistrats von J. Gebauer. Mit Einschalttafeln auf Kunstdruckpapier, einem Stadtplan und künstlerischem Buchschmuck von Hermann Maier. Bd. 1-2. Hildesheim: Lax, 1921-1924.

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Gerlach, Bernhard u. Hermann Seeland: Geschichte des Bischöflichen Gymnasium Josephinum in Hildesheim. Von der Aufhebung der Gesellschaft Jesu im Jahre 1773 bis zur Zerstörung der Anstaltsgebäude des Josephinums 1945. Bd. 1-2. Hildesheim: Lax, 1950-1952.

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Gottsleben-Grabmal am würdigen Platz. In: Moritz vom Berge, Stadtteilzeitung Hildesheim West Nr. 249 (2014), Juni [Internet-Ausgabe].

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Hundert Jahre Schüler-Turnverein Saxonia am Bischöflichen Gymnasium Josephinum und Realgymnasium zu Hildesheim. 1833/1933. Hildesheim: Kornacker, [1933].

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Kloppenburg, Heinrich: Die Geschichte des Moritzstifts und der Gemeinde Moritzberg. Hildesheim, 1933. [Maschinenschriftlich].
[Kloppenburg (1863-1952) war Mittelschul-Lehrer und zeitweise Kreisheimatpfleger im Hildesheimer Raum. Er hat u. a. die Moritzberger Geschichte maschinenschriftlich auf 1404 Din-A-4-Seiten zusammengestellt - alles was er damals an Dokumenten finden konnte, zusammengefasst und zum Teil auch die Originalakten abgetippt. Das Original seines maschinenschriftlichen Werkes liegt im Stadtarchiv Hildesheim. Drei gebundene Exemplare der Durchschriften können im Stadtarchiv Hildesheim, im Bistumsarchiv Hildesheim und im Hauptstaatsarchiv Hannover eingesehen werden. Hinweis von Sabine Brand, Hildesheim.]

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Matern, Norbert: Politische Wahlen in Hildesheim 1848 bis 1867. Bonn: Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, 1959. Bonn, Univ., Diss., 1958, S. 72, 122 u. 175. [Schon in einer Vorversammlung der Wahlmänner am 15. Januar beschloss man, den Obergerichtsanwalt Gottsleben, der wohl Weinhagens Stelle übernommen hatte, zum Abgeordneten, jenen selbst aber zum Ersatzmann zu wählen. Gottsleben übernahm 1863 die Leitung des Hildesheimer »Schleswig-Holstein-Commitees«. Im Cholerajahr 1867 wurde er mit 208 Einwohnern ein Opfer dieser tückischen Krankheit.]

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Oppermann, Heinrich Albert: Zur Geschichte des Königreichs Hannover von 1832 bis 1860. Bd. 1, 1832-1848; Bd. 2, 1848-1860. Leipzig: Wigand, 1860-1862.

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Rickhey, Fritz: Bedeutende Persönlichkeiten aus dem Hildesheimer Land. In: Allgemeiner Heimatkalender für Stadt und Land. Hildesheim, 185 (1954).

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Röhrig, Anna Eunike: Die Deutschkatholiken in Hildesheim. Ein vergessenes Kapitel Geschichte. In: Hildesheimer Heimat-Kalender 2001 (2000), S. 80-82.

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Schulze, Otto: Die Entwicklung der Leibesübungen in Hildesheim. In: Alt-Hildesheim. Jahrbuch für Stadt und Stift Hildesheim 15 (1936), S. 11-17.

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Zum 90jährigen Jubiläum des MTV 1848: Wer war Obergerichtsanwalt Anton Gottsleben? In: Hildesheimer Allgemeine Zeitung / Gerstenbergsche Zeitung 1938, Nr. 182 (3. Mai), S. 5.

Anmerkungen

[1] Der Autor Dr. Klaus Arndt, Hildesheim, ist seit fast 60 Jahren Mitglied des von Anton Gottsleben gegründeten Vereins »MTV v. 1848«. Der hier von Klaus Gottsleben um einige Anmerkungen ergänzte Aufsatz erschien am 9. Juni 2012 in der Sonnabendausgabe der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung, Teil »Aus der Heimat«, S. 31.

[2] Eine Veranstaltung, die Martin Luther anlässlich der Erstausstellung 1512 die »Bescheyßerey zu Trier« nannte.

[3] Die nach der Reformation noch bestehen gebliebene west- und süddeutsche Reichskirche wurde durch den »Reichsdeputationshauptschluß« von 1803 säkularisiert. Er traf die Kurfürstentümer von Köln, Mainz, Trier, das Fürsterzbistum Salzburg, achtzehn Reichsfürstbistümer, etwa achtzig Abteien und über zweihundert andere Klöster, insgesamt ein Gebiet von etwa 90 000 qkm mit über drei Millionen Einwohnern. Nach der Thronbesteigung von König Friedrich Wilhelms IV. (1795-1861, König ab 1840) in Preußen änderte sich das Verhältnis von Staat und Kirche. Sichtbarer Ausdruck war die Trierer Wallfahrt von 1844 zum »Heiligen Rock«, für die Thron und Altar die Voraussetzung und Organisation dieser Massenbewegung schufen, die eine halbe Million Pilger innerhalb von 50 Tagen in bemerkenswerter Disziplin nach Trier und zum Defilee an dem Exponat vorbei führte. Der suspendierte schlesische Priester Johannes Ronge (1813-1887) protestierte in einem Aufruf öffentlich gegen das »Götzenfest« und wandte sich bei dieser Gelegenheit gegen die »tyrannische Macht der römischen Hierarchie«. Die Proteste führten zur Gründung der Deutschkatholiken, einer von ihm und Johann Czerski (1813-1893) angeführten Reformbewegung, der sich auch viele Protestanten anschlossen. In Österreich und Bayern wurden die »katholischen Dissidenten« verboten und ausgewiesen, in Preußen geduldet. 1845 trennten sich auf dem »Deutschkatholischen Konzil« in Leipzig etwa 60 000 Anhänger der Deutschkatholiken von der römisch-katholischen Kirche. 1847 erreichten sie ihren Höchststand mit 70 bis 80 000 Anhängern. Ihr rationalistisches Glaubensbekenntnis ließ sie kirchliches Lehramt und päpstliches Primat verwerfen, an Heiligenkult, Bilderverehrung und Fasten Anstoß nehmen. Seit 1850 beginnt der Verfall, der durch Verschmelzung mit den »Freien Protestantischen Gemeinden« (Lichtfreunde) nicht aufgehalten wurde. 1859 fanden sich ihre vom positiven Christentum abgelösten, freidenkerisch gewordenen Reste im »Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands« zusammen.

[4] Im damaligen Königreich Hannover bildete sich nur in Hildesheim eine Deutschkatholische Gemeinde unter Führung der Advokaten Wilhelm Anton Gottsleben und Nordhoff, Oberlehrer Hartmann und Färbermeister Gehrke, die mit 52 Mitgliedern sich öffentlich von der römisch-katholischen Kirche lossagten. Zu ihnen gehörten fünf Mitglieder der Familie Gottsleben, darunter auch Wilhelm Anton Gottslebens Vater der Amtsvogt Franz Joseph Christoph Gottsleben, zu der Zeit Hausvogt des Amtes Marienburg, und deren Verwandter Friedrich Bernhard Conrad Henrich Machtzum von Eddinghausen.

[5] In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfüllte sich das Bürgertum immer mehr mit den liberalen und nationalen Ideen. Die wachsenden Unruhen des »Vormärz« entluden sich in der Märzrevolution von 1848. An Stelle des Bundestags trat eine aus demokratischen Wahlen hervorgegangene deutsche Nationalversammlung in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. zusammen; sie wählte Erzherzog Johann von Österreich (1782-1859) zum Reichsverweser. Doch die Kraft der Bewegung wurde durch tiefe Gegensätze gespalten. Gegen einen kleindeutschen Bundesstaat mit einem preußischen Kaiser, wie ihn die »Erbkaiserlichen« unter Führung Heinrich Freiherr von Gagerns (1799-1880) forderten, wehrten sich die Anhänger des großdeutschen Gedankens, besonders die Österreicher und Katholiken. Als im Frühjahr 1849 die Nationalversammlung eine liberale Reichsverfassung beschlossen hatte, wurde König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen (1795-1861, König ab 1840) zum deutschen Kaiser gewählt. Doch er schlug die Kaiserkrone aus, und die beiden deutschen Großmächte Preußen und Österreich lehnten ebenso wie die größeren Mittelstaaten die Reichsverfassung ab. Darauf brachen im Mai 1849 schwere Aufstände der demokratischen Republikaner in Dresden, Baden und der Pfalz aus, die von preußischen Truppen niedergeworfen wurden. Der Versuch Preußens, durch eine freiwillige Union der deutschen Fürsten doch noch einen kleindeutschen Bundesstaat zu schaffen, misslang. Der österreichische Fürst Felix zu Schwarzenberg (1800-1852), gestützt auf Russland und die deutschen Mittelstaaten berief den alten Bundestag wieder ein. Mit der Olmützer Punktation 1850 gab Preußen die Unionspolitik auf und erkannte den Bundestag an. Zugleich wurde auch die Erhebung der Schleswig-Holsteiner gegen die dänische Herrschaft, die 1848/49 von preußischen Truppen unterstützt worden war, preisgegeben. Im wiederhergestellten Deutschen Bund herrschte nun jahrelang eine schroffe Reaktion. In Preußen kam es zu einem schweren Machtkampf zwischen Krone und der liberalen Landtagsmehrheit, den Otto von Bismarck (1815-1898), im Herbst 1862 von König Wilhelm I. (1797-1888, Deutscher Kaiser ab 1871, König von Preußen ab 1861) zum Ministerpräsidenten berufen, erfolgreich bestand. Er konnte sich auf die Freundschaft Russlands stützen, und als die schleswig-holsteinische Frage sich wieder zuspitzte, wusste er sogar Österreich für ein gemeinsames Vorgehen gegen Dänemark zu gewinnen. Der Krieg von 1864 endete mit der Abtrennung Schleswig-Holsteins und Lauenburgs an die beiden deutschen Großmächte.

[6] »In Hannover gab die Auflösung der zweiten Kammer das Signal zu einer Flut von Adressen und Petitionen, an den König, das Ministerium um Anerkennung der Verfassung und der Kaiserwahl, die Nationalversammlung u.s.w. Alle möglichen Formen von Erklärungen und Demonstrationen wurden gebraucht, und die verschiedensten, in ihren Meinungen sich entgegenstehendsten Menschen vereinigten sich zu denselben. Man würde mehrere Bogen mit solchen Adressen aus dem Monate Mai füllen können. Es scheint jedoch überflüssig, da alle ziemlich gleich lauteten, nur phrasenreicher und blumenreicher verziert, schlechter oder besser stylisirt. Characteristisch aber war, daß die constitutionellen und demokratischen, ja wo es solche gab, demokratisch-focialistischen Vereine sich unter der gemeinsamen Parole der Reichsverfassung näherten oder gänzlich vereinigten. Die Schwankenden fanden in ihr einen Boden, die Philister den Schluß der Revolution, Alle wieder das Gefühl eines inneren Zusammengehörens. Von dem Hervortreten eines Hannoverthums, das sich durch die Unterordnung unter Preußen gedrückt gefühlt, keine Spur. Volksvereine, constitutionelle Vereine, Deutsche-, Handwerker-, Arbeits-, Turn- und Wehrvereine schaarten sich um dieselbe Parole. Die Zwietracht, welche den vaterländischen Verein in Hannover zerrissen hatte, fand eine Ausgleichung, der alte und der neue vaterländische Verein vereinigten sich am 28. April aufs Neue zu einem deutschen Vereine, der die Statuten des neuen vaterländischen Vereins, und damit die Unterwerfung unter die Reichsverfassung adoptirte. Die Versammlung sagte zugleich einem ihrer thätigsten Mitglieder, dem Vicepräsidenten Canzleiauditor Planck Lebewohl, der unter nachdrücklicher Verwarnung wegen der aufreizenden Reden, die er in den Vereinen der Stadt geführt habe, nach Osnabrück versetzt war.«
    In Hildesheim wurde schon am 29. April 1849 eine Volksversammlung für Stadt und Fürstentum abgehalten, »in der es tief beklagt war, daß man nochmals zusammentreten müsse, um zu schriftstellern und zu petitioniren, daß es dem Volke durch Gewaltthat unmöglich sei, durch die Stimmen seiner Vertreter zu der Regierung zu reden«. - »Das Volk müsse die Vollziehung der Reichsgesetze in die Hand nehmen«. - Der Advokat Friedrich Weinhagen stellte einen Antrag, »daß die hohe Nationalversammlung die Petenten zu allen Mitteln autorisiren möge, welche dazu dienen, die endgültig beschlossene Reichsverfassung zu vollziehen. Zu diesen Mitteln werde gerechnet als gelindestes die Steuerverweigerung, auch bewaffnete Selbsthülfe nicht ausgeschlossen«. Der Bürger Gottsleben verlas, wie es in der Hildesheimer Zeitung heißt, einen bemerkenswerten Antrag: »Er fordert alle Communen und Vereine des Landes auf, in Masse am 7. Mai in Hannover zu erscheinen, um dem Könige gegenüber in ernster, friedlicher Haltung die Ueberzeugung auszusprechen, daß das Ministerium durchaus im Widerspruche mit dem Volkswillen stehe und ihn aufzufordern, das freiheitsfeindliche Ministerium sofort zu entlassen, so wie auch den König selbst aufzufordern, dem Beispiele der hannoverschen Staatsbürger durch selbsteigne Unterwerfung unter die Reichsgewalt und Reichsverfassung, als erster Reichsbürger zu folgen.« Vgl. Heinrich Albert Oppermann: Zur Geschichte des Königreichs Hannover von 1832 bis 1860. Bd. 2, 1848-1860. Leipzig: Wigand, 1862, S. 220.

[7] Ein ausführlicher Beitrag hierzu wird in einer der nächsten Ausgaben des »Hildesheimer Jahrbuchs für Stadt und Stift Hildesheim« erscheinen.

[8] »Anton Gottsleben . Unsere Stadt betrauert einen ihrer besten Bürger, Hannover einen seiner bewährtesten Kämpfer für die Freiheit und den Fortschritt, das Vaterland einen edlen Patrioten: der Obergerichtsanwalt Anton Gottsleben ist gestern, gegen 6 Uhr Abends, nach einer Krankheit von einigen Stunden an der Cholera verschieden. ›Wen die Götter lieb haben, der stirbt jung.‹ Dieses Wortes tiefsinnige Wahrheit hat sich an Wenigen so gezeigt, wie an dem Manne, dessen Verlust wir beklagen. Er hat die Mitte der fünfziger Jahre erreicht, die Höhe des Mannesalters, aber er ist jung gestorben - jung an Geist, jung vor Allem am Herzen. Das war es, was an Gottsleben seine Freunde liebten und Alle, die ihn kannten, bewunderten: der jugendliche Idealismus, den nicht Viele wie er sich durch die Jahrzehnte hindurch gerettet, und an dem er in allen Dingen festhielt, unbekümmert um den Erfolg, unbekümmert auch um sich selbst. Diesem Manne waren Grundsätze und Ideale nicht nach der Art unserer Tage etwas, womit man sich nach dem Bedürfniß des Lebens auseinandersetzt, das man bei Seite wirft, wenn es für den eigenen Nutzen und das Fortkommen in der Welt hinderlich scheint, und das man wieder hervorholt, wenn der Augenblick günstig ist. Gottsleben kannte für alle Dinge nur einen Maßstab der Idee, wie er für sie zu jedem Opfer bereit war, so war es ihm ein Schmerz persönlichster Art, sie von Anderen verleugnet, ja selbst nur zu gerigem Theil unabänderlichen Thatsachen geopfert zu sehen. Wie er in diesem Sinne gelebt, weiß fast jedes Kind seiner Vaterstadt, die wenig so populäre und allseitig verehrte Bürger hatte als Gottsleben. In seinem Beruf als Anwalt wie in seiner vieljährigen Stellung als Mitglied der städtischen Vertretung; als Förderer jedes gemeinnützigen, jedes nationalen Unternehmens, wie als Abgeordneter zur hannoverschen Zweiten Kammer; nicht zu letzt auch auf dem Gebiete, auf welchem so viele Andere sich mit ihrem Gewissen abzufinden verstehen, auf dem religiösen - überall und immer hat er unerschrocken die letzten Consequenzen seiner Ueberzeugung gezogen und nach ihnen gehandelt, mochten die Einen wüthen und die Anderen spotten. Unentwegt war sein Leben den Principien des Liberalismus gewidmet, deren Anhänger in unserer Stadt und Provinz mit Gottsleben einen Verlust erleiden, der nicht ersetzt werden wird. Daß der Kampf wider das im vorigen Jahre vernichtete Regierungssystem bis zuletzt in dieser Stadt mit unverminderter Energie geführt wurde, war mit sein Verdienst, wie er auch auf die politische Haltung der uns benachbarten Städte und ländlichen Districte maßgebenden Einfluß geübt, und wie seine Stimme in allen Parteiversammlungen der Liberalen des vormaligen Königreichs eine um so schwerer in's Gewicht fallende war, je mehr er vor Anderen bereit war, nicht blos zu reden, sondern zu handeln. Und in Aller Gedächtniß ist, was unsere Partei dem Dahingeschiedenen noch in den letzten Monaten verdankte, wie in erster Reihe seine unermüdliche Thätigkeit uns bei den wiederholten Wahlen zur norddeutschen Volksvertretung den Sieg gesichert. Daß er den ersten Zusammentritt dieses Parlaments, daß er die Ereignisse erlebt, denen es seinen Ursprung verdankt - war für Gottsleben die Erfüllung der besten Hoffnungen eines Menschenlebens und ist für seine Freunde in diesen schmerzlichen Stunden ein Trost. Mit welchem Jubel hat er den Sieg der deutschen Waffen, mit welcher Begeisterung die Grundsteinlegung zum Staate deutscher Nation, mit welcher felsenfesten Zuversicht die beginnende Entwicklung desselben begrüßt! Als Burschenschafter hatte er einst für die Größe und Freiheit des Vaterlandes geschwärmt, und das heilige Feuer dieses Enthusiasmus hat er in einer Zeit bewahrt, die ihm gar oft die Klage entlockte: wie so alt in diesen Tagen die Jugend sei! Was der Student ersehnte, danach hat der Mann in der Stickluft des vierten und fünften Decenniums gestrebt, das hat er im Völkerfrühling des Jahres 1848 mit so vielen Anderen zu erringen gemeint und im Herbst der diesem Frühling gar bald gefolgt, wieder müssen verschwinden sehen; aber er hat weiter dafür gekämpft gegen die antinationale Reaction, welche folgte, er hat als Agent des deutschen Nationalvereins seine Kräfte sofort wieder eingesetzt, als das Jahr 1864 der deutschen Bewegung einen neuen Anstoß gab, und er hat für das Verständniß der Umwälzung von 1866 öffentlich und im Privatleben gewirkt wie wenig Andere. Die Epidemie, als deren Opfer auch Gottsleben gefallen, verbietet seinen zahlreichen Freunden, ihm die letzte Ehre zu erweisen, wie es unter anderen Verhältnissen geschehen wäre; der Wunsch, dem Todten schon heute ein Wort der Erinnerung zu weihen, hindert diese Zeitung, zu deren ältesten Freunden er gehörte, an dieser Stelle das Leben jenes ganzen Mannes so eingehend zu schildern, wie es, den Ueberlebenden eine Mahnung zur Nacheiferung, geschehen sollte. Wie wir aber die Erfüllung dieser Pflicht uns vorbehalten, so werden, sobald es thunlich sein wird, Alle, die ihn geliebt und verehrt, sich vereinigen zu einer würdigen Gedenkfeier für Anton Gottsleben.«  Aus: Hildesheimer Allgemeine Zeitung 1867, Nr. 219 (18. September).

[9] Nach kurzen französischen und preußischen Besetzungen seit 1801 gehörte Hannover 1807-13 größtenteils zum napoleonischen Königreich Westfalen. 1814 wurde es zum Königreich erhoben und 1815 durch Goslar, Hildesheim, Osnabrück, Ostfriesland und einen Teil von Münster vergrößert, während es auf Lauenburg verzichtete. Nach dem Tod Wilhelms IV. kam 1837 in Großbritannien die Königin Viktoria, in Hannover Herzog Ernst August von Cumberland zur Regierung. Der neue König hob sogleich das liberale Staatsgrundgesetz von 1833 auf; die Folge waren heftige Verfassungskämpfe (Göttinger Sieben), die sich bis 1857 hinzogen. Der blinde König Georg V. (seit 1851) trat im Krieg von 1866 auf die Seite Österreichs. Mit dem Krieg wollte Otto von Bismarck die Entscheidung zwischen Preußen und Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland herbeiführen. Die Bundestagssitzung von 14. Juni 1866 bedeutete den Bruch zwischen den beiden Mächten. Zu Preußen standen die norddeutschen Kleinstaaten und Italien, zu Österreich die deutschen Mittelstaaten. Die preußische Hauptmacht gewann die Entscheidungsschlacht am 3. Juli bei Königsgrätz. Vorher hatten die hannoverschen Truppen am 29. Juni bei Langensalza die Waffen strecken müssen. Am 23. August folgte der Friede von Prag. Österreich blieb von Gebietsabtretungen verschont, musste aber der Auflösung des Deutschen Bundes und der Gründung des Norddeutschen Bundes zustimmen. Ebenso schonend wurden Sachsen und die süddeutschen Staaten vom Sieger behandelt, dagegen Hannover, Hessen-Kassel, Nassau, Frankfurt a. M. und Schleswig-Holstein Preußen einverleibt.

[10] »Zum 90jährigen Jubiläum des MTV 1848: Wer war Obergerichtsanwalt Anton Gottsleben? Wenn der Mtv. von 1848 morgen seines Gründers ehrend gedenkt, dann ehrt der Verein sich damit selbst. Jahrzehnte hindurch ist der Todestag Gottslebens ein Gedenktag für die beiden größten Turnvereine Hildesheims gewesen und viele Jahre hindurch ist von den Turnern gemeinsam sein Grab geschmückt worden. War doch der Genannte beider Vereine Ehrenmitglied und, wie man bei der Weihe der ›Eintracht‹-Fahne vor 76 Jahren hervorhob, ›der Gründer und Förderer der Turnerei zu Hildesheim seit 1848‹. Ihm galt zwar weniger der Verein, denn er warb für beide Vereine, ihm ging die deutsche Turnerei als solche über alles und wenn die Hildesheimer Turner zuerst nur im Sommer und nur bei gutem Wetter im Freien turnen konnten auf einer Wiese am Bergsteinweg, dort etwa, wo heute das Kaufhaus Frost steht; so sorgte er dafür, daß sie eine Turnhalle, wenn auch nur erst eine notdürftige, in der Reitbahn des Ratsbauhofes bekamen. Welche Widerwärtigkeiten zu überwinden waren, bis es hierzu kam, davon macht man sich heute keinen Begriff. Aber nicht nur die Turnerei, auch der Kämpfer für ein größeres und einiges Deutschland fand in Gottsleben seine Verkörperung. Als die Wogen des Frühjahrs 1848 am höchsten gingen, findet man ihn neben Weinhagen an der Spitze der Bewegung; als 1864 in ganz Deutschland wegen Schleswig-Holstein die Begeisterung ihre hohen Wellen schlug, steht Gottsleben wieder in vorderster Reihe und wirbt tatkräftig für die gute deutsche Sache, und als dann das Jahr 1866 angebrochen war, gehörte er neben Roemer und Boysen zu den ›Drei G‹, Gerstenberg, Götting und Gottsleben, die, wenn es ›schief‹gegangen wäre, den Hildesheimer Staub von ihren Pantoffeln hätten schütteln müssen. Sein plötzlicher Tod - Gottsleben starb am 17. September 1867 als eines der ersten Opfer der Cholera - wirkte wie ein Donnerschlag auf die Bevölkerung Hildesheims; von all den Hunderten, die die Seuche hinwegraffte, war Gottsleben die bedeutendste Persönlichkeit. Hildesheim hatte seinen temperamentvollsten, mit einem sonoren weithin schallenden Organ begnadeten Redner verloren. Als er 55jährig starb, wohnte er im Langen Hagen in dem Hause, links vom Rolandhospital. Wie bei einer so gefährlichen Seuche üblich, waren Trauergeleite verboten, und so wurde auch er in aller Stille schleunigst beerdigt. Aber als die Seuche erloschen, hat man ihn gefeiert, sein Freund Hermann Roemer hat ihm im ›Braunschweiger Hof‹, dem damals größten Saal, eine Gedenkfeier gehalten; am 14. Februar 1868 hat man einen Aufruf erlassen, um ihm auf dem Marienfriedhof ein würdiges Grabmal zu errichten. Sein Turnbruder Küsthardt, der spätere Professor, der mit ihm zusammen am gleichen Tage Ehrenmitglied des Mtv. ›Eintracht‹ geworden war, hatte seine Büste modelliert und hergestellt und als man ein Jahr nach seinem Tode sein Gedächtnis zum ersten Male in großer Oeffentlichkeit feierte, hat man das Denkmal geweiht. Auch hierzu hatte man sich im ›Braunschweiger Hof‹ wieder versammelt, wo wiederum Roemer seiner gedachte und eine Nachbildung der Büste der hinterbliebenen Schwester des Gottsleben überreichte. Auch die beiden Hildesheimer Turnvereine bekamen eine Nachbildung in Gips und jeder, der zu dem Denkmal beigetragen, bekam eine Photographie derselben. Ueberaus zahlreich war die Beteiligung der Hildesheimer Bevölkerung bei dem Marsch zum Friedhof, wo Gesangvereine die Feier verschönten. Auch von außerhalb war die Beteiligung der Turnerdeputationen, die Kränze niederlegten, eine sehr stattliche. Auf der Schleife der Bückeburger Turner konnte man lesen: ›Dem Bravsten der Braven!‹ Wie schon oben gesagt, hat man zuerst alljährlich, dann in immer größeren Zeitspannen des großen Turnfreundes gedacht - aber - das ist ja so der Zeiten Lauf - man hat auch an Tagen, wo man annehmen mußte, daß man seiner in erster Linie mit gedachte, anscheinend nicht mehr ganz genau gewußt, wo der Marienfriedhof lag.« L.N. in: Hildesheimer Allgemeine Zeitung / Gerstenbergsche Zeitung 1938, Nr. 182 (3. Mai), S. 5.

[11] Seit 1956 stand auf dem damaligen Sportplatz des »MTV v. 1848 Hildesheim« an der Lucienvörder Allee ein Denkmal. Es erinnerte an den Idealist, Turner und Feuergeist Anton Gottsleben, der heute in Vergessenheit geraten ist. Sein stark verwittertes, drei Meter hohes Denkmal aus behauenem Sandstein liegt jetzt auf dem Bauhof, die vermutlich aus Bronze gearbeitete Büste von Friedrich Küsthardt ist verschwunden. Ein Aufruf der Stadtteilzeitung »Moritz vom Berge« zur Restaurierung und Wiederaufstellung des Denkmals blieb anfangs wenig erfolgreich.

Doch dank der Unterstützung des »Hildesheimer Heimat- und Geschichtsvereins« konnte das Turmgrabmal Anton Gottsleben jetzt vollständig saniert und
im April 2014 auf dem Johannisfriedhof wiederaufgestellt werden. »Hier findet das Grabmal nun eine adäquate, würdevolle neue Heimat«, freut sich Dr. Maike Kozok, Denkmalpflegerin der Stadt Hildesheim. »Für den Johannisfriedhof, den der Magistrat Anfang des 19. Jahrhunderts als ersten Friedhof gezielt außerhalb der damaligen Stadtgrenzen angelegt hat, fühlt sich der Heimat- und Geschichtsverein bereits seit vielen Jahren besonders verantwortlich«, betont der 1. Vorsitzende Sven Abromeit. So habe der Verein hier schon 2010 für die Anbringung einer Informationstafel am Eingang gesorgt und die Kosten der Sanierung einzelner Grabmäler übernommen. Mit der Aufstellung des Gottsleben-Grabmals in der Nachbarschaft der Grabstätte Carl Kramers fänden nun zwei »Gründerväter« des Hildesheimer Sports fast 150 Jahre nach ihrem Tod wieder zueinander. Mit der Rekonstruktion der verschollenen Büste Gottslebens wäre diese »historische Wiedervereinigung« komplett. »Der Verein wird versuchen, die dafür notwendigen Mittel bald zusammenzubringen«, verspricht Abromeit. Wer die Rekonstruktion der Büste mit einer Spende unterstützen möchte, kann dies unter folgender Bankverbindung tun: Hildesheimer Heimat- und Geschichtsverein, Sparkasse Hildesheim, Bankleitzahl 259 501 30, Kontonummer 6444. - Quelle: www.hildesheim.de/magazin (April 2014)
 

Maike Kozok und Sven Abromeit
mit dem restaurierten Grabmal
Anton Gottsleben

Wiederaufstellung des Grabmals
Anton Gottsleben auf dem
 Johannisfriedhof

Neue Heimat für
Gottsleben-Grabmal
(Hildesheimer
Allgemeine Zeitung
30. April 2014 , S. 17)
 

Anbringung der Büste
Anton Gottsleben
auf dem restaurierten Grabmal
im Juli 2015
(Ausführung PrenzlerStein)

 

Das restaurierte Grabmal
mit der neuen Büste
Anton Gottsleben
im Juli 2015

Stand: Juli 2016
Klaus Gottsleben
 
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